Siemens Hauptversammlung: Vom Versagen der Kultur, einer Rose und der Frage: “Wer trägt die Verantwortung?”

Kurz nach Zehn. Die Olympiahalle ist voll. Eigentlich hätte es schon losgehen sollen. Das Publikum fängt mehrmals an zu klatschen. Um sich selbst Mut zu machen? Oder dem Vorstand?

Es folgt das Unternehmensvideo. Erinnert an den amerikanischen Wahlkampf erinnert. Das Video ist laut. Schnelle Schnitte. Viel Pathos. Siemens ist phantastisch. Sehr groß und total global. Und: Siemens gibt Antworten! Gut deswegen bin ich hier. Während das Video läuft, sitzt Aufsichtsratschef Cromme mit gefalteten Händen auf dem Podium. Schade, dass ich keine Kamera habe. Vielleicht wäre er jetzt lieber auf dem Jakobsweg.

Nach allen Formalitäten ist es 20 nach 10 und Cromme schwelgt in seiner Einleitung von dem erfolgreichen letzten Jahr und sagt dann den bedeutungsschweren Satz: „Das Unternehmen unterscheidet sich völlig von dem vor einem Jahr“.

So kann man es auch sagen.

Auf einem der Podiumstische steht eine einzelne Rose. Das hat etwas anrührendes mitten im kühlen blau-grauen Design der Veranstaltung. Die Rose ist für die Aufsichtsrätin Frau Grube. Sie ist Arbeitnehmervertreterin. Sie scheidet aus dem Aufsichtsrat aus.

Jetzt kündigt Cromme den neuen Vorstandsvorsitzenden an. Mit Löscher ist alles neu, alles anders. Zum Beispiel der Vorstand. Der beschränkt sich nicht mehr nur auf Coaching der Führungskräfte sondern ist jetzt „selbst verantwortlich“. Aha. Jetzt wird mir klar, dass ich völlig falsche Vorstellungen von der Rolle des Vorstandes hatte. In der Coachingausbildung lernt man, dass die Verantwortung für das Handeln immer der Coachee übernimmt. Kein Wunder, dass keiner etwas wusste. Und wir erfahren „jetzt gibt es keine Grauzone mehr“. Wie hört sich das eigentlich bei Licht betrachtet an?

Ach ja, der Vorstand ist auf 8 Köpfe geschrumpft. Die übrigen 3 haben jetzt Beraterverträge. Mit welchen Mandaten und welchen Honoraren – darauf gibt es auch später keine Antwort.

Und dann sagt Cromme: “Vor einem Jahr habe ich gesagt: Wir sind außerordentlich betroffen – aber Betroffenheit löst Probleme nicht.” Jetzt sei Siemens aber auf einem gutem Weg.“ Liest der Mann morgens keine Zeitung? Die SZ online meldete gestern Abend: „In der Siemens-Schmiergeldaffäre sind vom Konzern eingeschaltete Ermittler in einem weiteren Geschäftsfeld auf ein rätselhaftes Finanzsystem gestoßen. Nach bisherigen Hinweisen an den Aufsichtsrat könnten im Unternehmensbereich Medizintechnik gut 140 Millionen Euro in dunkle Kanäle geflossen sein.“ Ich schaffe es kaum alle Schwindel-Erregenden Zahlen zu notieren an diesem Tag

Aber immerhin: „Die US Behörde SEC ist sehr zufrieden mit Siemens“. Klingt erst mal gut. Was ist „Zufriedenheit“ eigentlich für ein Kriterium angesichts der Ermittlungen? Um mich herum munkeln Zuhörer aus dem Bankenbereich über mögliche Strafzahlungen an die SEC in Milliardenhöhe. Verstehe. Mögliche 4 Milliarden Einnahmen für die SEC. Wer wäre da nicht zufrieden.

Das Amnestieprogramm „wird gut angenommen“ – „…und das ist gut so“ und hat mit Denunziantentum nichts zu tun. Wer schreibt bloß diese Reden?

Dann blieb mir noch ein Kern-Satz im Ohr „unsere Unternehmenskultur hat versagt!“ Bis heute kannte ich nur Maschinen, die versagen und das oft bemühte menschliche Versagen. Das Versagen von Unternehmenskulturen ist ein neues Phänomen, dem ich nachgehen muss.

Schließlich tritt Löscher ans Mikrofon und versucht ein Lächeln. Zum Einstieg beschwört er den Geist der Siemens Familie. Er erzählt, wie er sich damals „auf dem Wittelsbacher Platz (…) bei den Siemensianern einreihen durfte.“ Ein bisschen viel Schmäh für meinen Geschmack. Vor allem weil der Neue als Sprecher völlig unbewegt dasteht und auch das Gesicht keine Regung erkennen lässt. Nur die Lippen lassen erkennen, dass auf der Video ein Video und kein Foto zu sehen ist.

Löscher verweist auf die Zahlen. Auftragseingang um 9% gestiegen. Die Auftragsbücher prall gefüllt. Ein Investmentbanker hinter mir sagt:“ Logisch, bei dem, was die an Bestechungsgeldern gezahlt haben.“

Löscher ist für saubere Geschäfte – „immer und überall“. Das finden die Aktionäre gut. Schließlich geht Löscher auf’s Ganze und bekennt: “Wir werden noch Jahre brauchen, bis wir diesen Fall überwunden haben.” Die Compliance Maßnahmen schlagen mit 1,1 Milliarden Euro zu Buche. Und die Höhe der Strafen ist noch gar nicht abzusehen.

Der nächste Satz ist als Beschwichtigung gemeint wirkt aber grotesk: Der Immaterielle Schaden sei aber viel größer. Das Publikum bleibt freundlich und ruhig. Seltsam. Muss am erfolgreichen Geschäftsjahr liegen. Immerhin das erfolgreichste operative Jahr der Unternehmensgeschichte. Der Aktienkurs ist seit Oktober um 42 Prozent gestiegen.

Inzwischen äußert Löscher Betroffenheit darüber, dass Siemensmitarbeiter sich dauernd rechtfertigen müssen. Hat nicht Cromme gesagt, Betroffenheit löst keine Probleme?
Schließlich nimmt er die Zielkurve mit oft gehörten Worthülsen: “Es wirft uns aber nicht aus der Bahn, sondern treibt uns an”… „Soziale Verantwortung“, „Geld für Ausbildungsplätze“… „Wir müssen das Erbe des Unternehmens den Kommenden Generationen“ … „Siemens IHR Unternehmen“.

Nur die Beschwörungsformel „Alles wird gut“ fehlt. Viel Applaus. Die Ersten eilen aus der Halle zu den Verpflegungsständen.

Es folgt die Generaldebatte. Bisher gibt es 45 Wortmeldungen. Bei 10 Minuten Redezeit pro Kopf sind das 7,5 Stunden. Der reine Wahnsinn. Wenn man bedenkt, dass selbst klare Fragen von Aktionären und ihren Vertretern zwar Wortreich aber inhaltslos beantwortet werden. Kritik wird im Raum stehen gelassen. Von Dialog kann keine Rede sein.

In den Wortmeldungen wird kritisiert, dass die „Siemensgehälter doppelt so hoch sind wie bei anderen Unternehmen“, etwa der BASF. Die „Spitzengehälter des Vorstandes mit einer 30%igen Erhöhung in 2007“ werden gerügt. Großer Applaus der Aktionäre.

Und immer häufiger taucht die Frage auf: „Wer trägt die Verantwortung?“. „Warum gibt man immer nur zu, was nicht mehr geleugnet werden kann? Und dann: „Wo sind eigentlich die schwarzen Kassen und ist noch was drin?“ Eine Reihe von Stimmen wenden sich gegen den Vorschlag, die KPMG wieder als Prüfer zu bestellen. „Die KPMG prüft seit 117 Jahren bei Siemens. Das ist zu lang“.

Dann wieder das Thema SEC, die US-Börsenaufsicht. “Warum ist Siemens überhaupt in den USA gelistet? Was kostet das? Warum sollen wir die Amerikaner bezahlen?” Und schließlich “Wir lesen in der Zeitung, dass Nigeria nicht mehr mit uns arbeiten will, weil wir zu korrupt seien.” Gelächter.

Am Mittag ist klar, klare Antworten gibt es hier keine. Ich habe plötzlich den Tagtraum von einem echten Dialog. Frage – Antwort mit Moderator. Cromme und Löscher im heißen Stuhl.

Herr Löscher kann eigentlich keine Frage beantworten. Er sagt Sätze wie: “Langsam entsteht ein klareres Bild.” Und: “Sobald die Fakten da sind, werden wir handeln”. Er sagt also nichts.

Authentische Kommunikation sieht anders aus.

Die Reaktion der Aktionäre bleibt seltsam ruhig angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die von Cromme und Löscher präsentiert werden. Wir Kommunikationsleute sprechen ja gerne von der Gegenwart als dem Zeitalter der Authentizität, in dem die Reputation des Unternehmens entscheidend an Bedeutung gewinnt. Offensichtlich hielten der aktuelle Aktienkurs und die zu erwartende Dividende das Publikum bei Laune. Tumulte blieben aus. Image-Schaden und Vertrauensverlust haben sich noch nicht im Kurs niedergeschlagen.

~ von netztaucherin am Januar 24, 2008.

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