Nichts tun – Abwarten? Ja geht denn das?
Nichts tun? Abwarten? Das Credo des erfolgreichen Managers: „get things done!“.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Ofer H. Azar von der Ben-Gurion Universität in Negev, Israel.
Wie von Patricia Cohen gestern in der New York Times erläutert, hat Azar herausgefunden, dass der Drang zu reagieren, also „etwas zu tun“ weder besonders zweckmäßig ist, noch besonders rational. Gerade wer um hohe Einsätze spielt, wird von seinen Emotionen gesteuert.
Den Wirtschaftswissenschaftler Azar trieb die Frage um, wie Investoren Entscheidungen treffen, wenn es um hohe Summen geht.
Die klassische Wirtschaftswissenschaft lehrt uns, dass Menschen in wirtschaftlichen Zusammenhängen eine rationale, unabhängige Wahl treffen, die auf dem persönlichen Nutzen basiert.
Dazu hat Azar Fußballprofis studiert. Wie verhält sich ein Torwart bei einer hoch-riskanten Entscheidung? Wie agiert er, um einen Elfmeter abzuwehren? Vor ihm steht ein Spieler, der einen Ball mit durchschnittlich 90 km/h ins Tor schießen wird. Der Torwart hat nur den Bruchteil einer Sekunden, um zu entscheiden, wie er den Schuss abwehrt. Beängstigend dabei ist, dass 4 von 5 Elfmetern im Tor landen.
Nun behauptet Azar, dass Nichtstun das beste Ergebnis bringe: In der Mitte zu stehen und zu warten, bis die Flugbahn des Balles klar ist hat eine Erfolgsrate von 1:3. Interessanterweise verhält sich kaum ein Torwart so. In der Regel versuchen sie die Flugbahn zu erahnen, bevor der Spieler vor dem Tor überhaupt den Ball berührt hat. Sich nach links zu werfen, verhindert nur in 14% der Fälle das Tor. Die rechte Seite führt sogar nur in 12,6 % der Fälle zum Erfolg. Inzwischen regt sich Widerstand zu dieser These, denn einige Fachleute halten die Menge der ausgewerteten Daten für zu klein und wissenschaftlich nicht aussagekräftig. Mehr zu diesem teil der Debatte bei Research Digest.
Dennoch ist die Entscheidung des Torwarts ein interessanter Aufhänger für ein paar Gedanken zum Aktionismus der inn vielen Unternehmen die Kultur prägt.
Manager sehen sich gerne als „Macher“, denn Aktion verschafft Wertschätzung – selbst dann noch, wenn die Handlung falsch ist. Doch Aktionismus führt auch häufig zu Fehlern. Aber die werden eher verziehen, als wenn jemand nicht handelt. Hauptsache jemand tut etwas. Und das sofort. Denn wer abwartet gilt schnell als unentschlossen und unfähig. Wer abwartet, meint meist, seine Glaubwürdigkeit und seinen Ruf zu riskieren.
„Aber ich habe doch nicht die Zeit, um die Dinge gründlich zu analysieren!“ ist eine der häufigsten Aussagen in meinen Seminaren zum Thema Probleme lösen und Entscheidungen fällen. „Das Prinzip ist Klasse, aber ich muss doch schnell entscheiden.“
Wirklich? Immer?
Realistisch betrachtet müssen die wenigsten geschäftlichen Entscheidungen tatsächlich sofort getroffen werden. Dazu kommt die Tatsache, dass die meisten Management-Entscheidungen deutlich komplexer sind, als die Entscheidung des Torwarts beim Elfmeter.
Man sagt übrigens, Waren Buffet sei berühmt für die Strategie des Abwartens und habe sich sogar schon bei seinen Shareholdern dafür entschuldigt, dass der Gewinn höher gewesen wäre, wenn er weiter geduldig abgewartet hätte, statt zu investieren.
Wir sollten uns alle öfter fragen, was uns eigentlich so vorantreibt und warum wir glauben, jetzt und sofort handeln zu müssen. Warten ist eine schwierige Übung. Und sicher nicht die Lösung aller Probleme.
Doch Entschleunigung kann Wunder wirken. Vor allem wenn man Probleme nachhaltig lösen möchte. Manchmal hilft es schon, die Entscheidung noch eine Nacht zu überschlafen.
Wer ganz mutig ist, entscheidet sich für einen Tag „offline“ – ohne E-Mail, Handy und all die Kommunikationskanäle, die uns ständig zu neuen Aktionen treiben.


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