Wahlkampf mit Lichtgeschwindigkeit
Senator George Allen beleidigt den indisch-stämmigen S.R. Sidarth (ein freiwilliger Wahlhelfer der Gegenseite) vor dessen laufender Video-Kamera mit dem rassistischen Wort „Macaca“. Das kostete ihn vor 2 Jahren die Wiederwahl. Hillary Clinton will als mit mutigen Auslandsreisen in Krisengebiete punkten. Die Geschichte von einem gefährlichen Besuch 1996 in Bosnien, bei denen Sie von Heckenschützen beschossen worden sei, wird innerhalb von Stunden als Lüge entlarvt und mit Bildern belegt. Wie stark Blogger und Soziale Netzwerke inzwischen die öffentliche in den USA bestimmen zeigt sich im aktuellen Wahlkampf. Da war ich natürlich neugierig, als ich eine Einladung ins Amerikanische Konsulat in München erhielt. „Politics at the Speed of Light – The Effect of New Media on American Political Campaigns“ war der Titel einer Veranstaltung mit Politikwissenschaftler Prof. Dr. Jeremy D. Mayer von der George Mason University am 14. März.
Nun hat auch Professor Mayer für seinen Vortrag die Bewertung der Web 2.0 Phänomene nicht neu erfunden. 4 Trends zeigen sich nach Mayers Meinung in dem vom Internet dominierten Rennen um die politische Ämter in den USA: Unabhängigkeit, Wiki-Power, Kontrollverlust und Überwachung. Das ist nicht wirklich neu. Und wird schon seit geraumer Zeit im Zusammenhang mit Web 2.0 diskutiert – bisher meist im Zusammenhang mit Auswirkungen auf Unternehmen.
Spannend ist, wie unterschiedlich der Zugang der verbliebenen Präsidentschaftskandidaten und ihrer Kampagnen-Experten zu den neuen Medien ist.
Während der ganzen Online-Wirbel schon als neue Ära der amerikanischen Politik gefeiert wird und vor allem Medienwissenschaftler einen Königsweg zu mehr Demokratie entdeckt haben wollen, sollte man im Auge behalten, dass sich die meisten Amerikaner immer noch in erster Linie in den traditionellen Medien über Politik informieren (Pew Research Center).
Bemerkenswert bleibt, wie Barack Obama und sein Lager das Internet als strategische Plattform im Kampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur nutzen. Obama hat im Web in einem Monat mehr Geld gesammelt als jeder andere bisher: Im Februar erzielte seine Kampagne ein Spendenaufkommen in Höhe von $55 Millionen, das sich aus rund 750.000 Einzel-Spenden zusammensetzt. Ein Mausklick genügt, um mit kleinsten Beträgen einen Beitrag zu leisten und die Aufforderungen verfolgen jeden Obama-Surfer in einer bisher nicht gekannten Penetranz. Und es existieren mehr Blogs, mehr Fan-Clubs und mehr Resonanz zu Obama im Netz, als für jeden anderen Gegner im Rennen um das Oval Office.
Ein erster Test zeigt die Unterscheide: Schon eine simple Bild-Suche unter “Hillary Clinton, Barack Obama und John McCain” mit Google zeigt auf einen Blick, wie die Kandidaten mit den neuen Medien umgehen. Offensichtlich managt bzw. kontrolliert das Obama Team die Bilder im Netz anders, als das Clinton oder McCain Lager. Und das ist nur ein winziger Baustein der Online-Strategie. Die Webseite MoveOn.org sammelte nicht nur Millionen für Obama, sondern entwickelte ein Programm, mit dem hunderttausende E-Mails an Facebook Nutzer verschickt wurden (Rund zwei Drittel aller US-Bürger zwischen 18 und 29 Jahre sollen inzwischen im Social Network registriert sein. Glaubt man den Medienberichten, so hat Obama dort fast eine halbe Million Anhänger – Hillary Clinton lediglich ein Viertel davon.)
Doch richtig unterhaltsam wird es erst bei den Videos: Hunderttausende verfolgen die aktuellen YouTube Filme im Stimmenkampf der US Vor-Wahlen. Einen ersten Höhepunkt bildete das dem Anschein nach völlig unabhängig produzierte Musik Video des “Obama Girl” im Juni 2007. Medienexperten geraten bei dieser Form des “user generated content” ob der Wirkung gerne ins Schwärmen. Unter dem Titel „I Got a Crush… on Obama“ machte Schauspielerin und Model Amber Lee Ettinger mit Ihrem Lovesong für Obama Furore – Leah Kauffman lieh Ihr dazu die Singstimme. Die Idee zu diesem Musikvideo hatte übrigens der 32 jährige Agentur Mann und Kommunikationsprofi Ben Relles. Entsprechend professionell kommt das Video daher. Ist das die Speerspitze der viel beschworenen unified creativity – als Stimme des Volkes oder doch eher eine intelligent geplante virale Kampagne. Interssant ist in diesem Zusammenhang die Meldung vom 3. März 2008 auf Adweek.com: “Ben Relles, at the time digital strategist at Agency.com in New York, made an unofficial contribution to Sen. Barack Obama’s presidential campaign with his „I’ve Got a Crush on Obama“ video starring the „Obama Girl.“ The Omnicom shop’s clients include Chevron, a favorite Obama target along with other big oil companies. Chevron declined to comment on Relles’ video or its relationship with Omnicom. Relles said he left the agency to start a political satire site, barelypolitical.com, and that the video played no role in his exit.”
Dienstag hat sich das Obama Girl und ex Miss New York City mit einer neuen Musikbotschaft zu Wort gemeldet: “Hillary! Stop the attacks!” Diesmal übrigens auf Ben Relles “barelypolitical.com”. Man wird sehen, ob das Video ähnlich erfolgreich wird, wie “I got a crush..” mit rund 7 Mio hits bisher.
Wer das Phänomen noch besser verstehen möchte, dem sei die Analyse von Rob Vegas vom 21. März empfohlen: „das thema ist top-aktuell, die dame trifft den geschmack der massen und der song ist eingängig. zudem sieht man sie im bikini und sie wackelt mit dem arsch.nach 3 minuten ist alles vorbei und die obama anhänger haben obenbdrein einen modernen song. dabei ist es noch gut gemacht.ob sie selbst singt oder nicht ist dabei eh hupe“. Ach soo.
Die Truppe um Hillary Clinton machte sich ebenfalls auf die Youtube Gemeinde zu erobern und holte dazu Schauspiel-Ikone Jack Nicholson vor die Kamera. Das Video mit Jack Nicholson “Jack and Hillary” mit wurde innerhalb von 2 Tagen in einer Parodie mit den eigenen Waffen böse aufs Korn genommen.
Man kann Stunden um Stunde im Netz verbringen, und unzählige weitere Beispiele heranziehen. In jedem Fall sind folgende Punkte bemerkenswert:
1. Die neuen Medien stellen einige Mechanismen der amerikanischen Politik auf den Kopf:
Obama hat geschafft, seine Anhänger über das Netz zu mobilisieren. Allein im Februar erzielte sein Lager ein Spendenaufkommen in Höhe von $55 Millionen von rund 750.000 Einzel-Spendern. Und 90 % der Spenden liegen nach Angaben der Wahlkampfzentrale bei weniger als 100 $. Das ist die eigentliche Revolution. Traditionell werden Kandidaten im US Wahlkampf fast ausschließlich durch Großspender finanziert. Politikwissenschaftler Professor Mayer sieht in diesem Phänomen die Chance für eine Demokratisierung des Wahlkampfs und die gleichzeitige Entmachtung der klassischen Politik Eliten.
2. Jeder macht es sich in seiner Meinung gemütlich:
Die neuen Medien ermöglichen es Bürgern, sich in Echtzeit zu informieren. Die Überflutung mit Informationen führt allerdings häufig dazu, dass Menschen nur noch die eigne Meinung bestätigen wollen. Mayer nennt das “Cocoon with sites that agree with you”. Es ist im Netz einfacher als je zuvor, sich von ungeliebten Meinungen abzuschotten.
3. Ertrinken in der Informationsflut und Hunger nach Wissen:
Das Netz ist auch Schauplatz übler Beschimpfungen und Verleumdungen. Obama wird in Blogs als heimlicher Moslem dargestellt, der als Kind eine islamische Schule besucht habe. Das entspricht zwar nicht der Wahrheit, kann als Information im Netz ungehindert verbreitet werden. Zahlreiche Webseiten und Blogs widmen sich hingebungsvoll der Demontage und Diffamierung von Hillary Clinton oder auch John McCain. Das hat es in Wahlkämpfen natürlich immer schon gegeben. Neu ist, dass es im Netz so gut wie unmöglich ist, falschen Botschaften zu stoppen oder gar zu löschen. Die Konsumenten sind häufig erschreckend unkritisch, wenn sie einschätzen sollen, wie vertrauneswürdig eine Aussage ist. Besonders, wenn sie irgendwie ins Weltbild passt.
4. Ist viral immer authentisch?:
Sogenannte Spin-Doctors sind ein Teil der amerikanischen Wahlkampf-Maschinerie. Neu ist die Frage nach der tatsächlichen Quelle einer Information auch 2008 nicht. Spannend ist und bleibt die Frage, wie viel von dem, was uns als authentischer, spontaner – von Anhängern kreierter- Inhalt verkauft wird, nicht tatsächlich von cleveren Kommunikations-Experten taktisch geschickt platziert wird. Bleibt die Frage, ob der Ursprung der Idee am Ende einen Unterschied bei der Wahlentscheidung macht. Wenn die Botschaft ins Weltbild des Wählers passt.
5. Abgerechnet wird zum Schluss:
Bei all der Aufregung bleibt abzuwarten, wer im nächsten Jahr in Weiße Haus zieht. Abseits der manchmal fast hysterischen Diskussion um das Potential des Internets, uns allen zu mehr Demokratie zu schaffen, führt der 71-jährige McCain, einen Wahlkampf beinahe wie von gestern: mit der Teilnahme an Hunderten von Bürgerversammlungen („townhall meetings“) konnte er aber bisher die Wähler live beeindrucken. Er fährt mit seinem „Straight Talk Express“ ( straight steht für „aufrecht, gradlinig)- einem klassisch bemalten Wahlkampfbus – durch die Provinz und putzt Klinken, schüttelt Hände und streicht Babys über den Kopf. Politikwissenschaftler Mayers ist überzeugt, dass der Online Wahlkampf auch eine Generationen-Frage ist.
Nachtrag: Auch schwere Kost funktioniert bei YouTube. Obamas vieldiskutierte Grundsatzrede „A more perfect union“ ist immerhin mehr als 37 Minuten lang und wurde ungefähr 5 Millionen mal angeklickt.


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